Wir warteten angespannt auf den Lautsprecher vom Bahnsteig. Nachdem einige Minuten verstrichen waren, glaubte ich einen Sehfehler zu haben.
Genau unter uns stand der uns unbekannte junge Mann, den ich vorher schon beobachtet hatte, und sprach uns doch tatsächlich an.
"Hallo, ich habe euch beobachtet und möchte mitkommen."
Mein Puls schlug bis zum Hals. Nachdem unser erster Schreck verklungen war, trat ich aus unserer Nische und erklärte dem Unbekannten, dass hier nur Platz für zwei sei und er nicht mitkommen kann.
"Wie seid ihr denn darauf gekommen", wollte er wissen?
Unglaublich, er hatte sich diese Fluchtstelle, unabhängig von uns ebenfalls ausgedacht, aber wusste nicht, wie er bis zu dieser Stelle, in der wir uns befanden, kommen könnte.
Von unserer Nische aus erklärte ich ihm in kurzen Sätzen den Weg mit dem Hinweis, dass er es gegen 23 Uhr oder am nächsten Tag noch einmal versuchen solle.
Hier musste ich all meine Überredungskünste aufbieten, denn er wollte unbedingt mit uns mitkommen.
Plötzlich sagte er: "Es kommt jemand, viel Glück"; und verschwand.
Frank und ich wollten das eben Geschehende gar nicht glauben. Jetzt erst konnten wir diesen Mann einordnen. Er, der mir soviel Kopfzerbrechen machte, war einer von uns, nur kannten wir ihn nicht. Der Adrenalinstoß, der in unsere Körper schoss, war nicht mehr zu überbieten. Das dachten wir, doch es kam noch schlimmer. Kaum hatten wir uns von unserem Schock erholt, kam der nächste Adrenalinstoß. Den Lautsprecher aus dem Bahnhof hörten wir in dem Augenblick, als sich genau unter unserem Versteck zwei Grenzsoldaten mit ihrem Hund platzierten. Mit großer Mühe versuchten sie, sich bei diesem Sauwetter ihre Zigaretten anzuzünden. Das Wetter spielte an diesem Abend so verrückt, so dass man keinen Hund vor die Tür gejagt hätte. Sie hatten ihren jedoch dabei.
Ausgerechnet hier und heute spielte sich das Leben ab.
Es schien wie verhext.

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