Über den Autor

Karl-Heinz Richter wurde 1946 in Schwarzheide im Kreis Calau geboren.
1963 machte er die mittlere Reife und begann noch im selben Jahr eine Ausbildung als Büromaschinenmechaniker.
Im Januar 1964 scheiterte sein Fluchtversuch aus der DDR und er wurde inhaftiert.
Nach der Haftentlassung beendete er seine Berufsausbildung erfolgreich und war in verschiedenen Berufen tätig. Unter anderen auch als Monteur in den Rohrwerken Bitterfeld.
1975 reiste er endlich mit seiner Frau nach Westberlin aus.
Neben langjährigen Auslandsaufenthalten war er als Fernfahrer und in anderen Berufen tätig.
1979 erhielt er wegen Fluchthilfe Transitverbot durch die DDR.
Heute lebt Karl-Heinz Richter mit seiner Frau in Berlin.


Bild rechts oben: Erkennungsdienstliche Fotos der Stasi von Karl-Heinz Richter
Bild rechts unten
: Karl-Heinz Richter 1964 an der Ostsee

Anmerkungen vom Autor nicht nur zu diesem Buch

Dies ist eine Geschichte von stillen Abschieden, Träumen, Widerständen und Fluchten. Diese Geschichte ist authentisch, eine Autobiographie.
Dieses Buch widme ich allen, die wie ich unter der Diktatur der Kommunisten leiden mussten.
Ich möchte hier nur den Lebensweg eines Berliner Jungen beschreiben, der wie viele andere in einem System seine Kindheits- und Jugendjahre verbringen musste, das sich mit Staatsterror am Leben hielt. Dieser Junge lebte in Berlin, einer zu dieser Zeit zwar geteilten, jedoch immer noch offenen Stadt.
Ein Leben zwischen zwei Welten, zwei antagonistischen Gesellschaftsordnungen.
Dass dies so war, davon hatte dieser Junge keine Ahnung, nur dass die Lebensformen in dieser geteilten Stadt derart unterschiedlich abliefen, das bekam er schon mit.
Diese Entwicklung von einem nur staunenden, nachdenklichen jungen Menschen zu einem Widerständler soll dieses Buch wiedergeben.
Nichts anderes. Kein Heldenepos, noch nicht einmal einen mahnenden Finger oder Schuldzuweisungen beabsichtige ich mit meinen Zeilen, nein, dies steht mir nicht zu.
Ein wenig Nachdenklichkeit beabsichtige ich schon mit meinem Buch, mehr nicht.
Warum dieses Buch? Die Gründe liegen auf der Hand. Zu schnell wird vergessen. Heute werden die damaligen Opfer zu gerne als „Deppen" der Nation belächelt.
Eine Würdigung als Widerstandskämpfer findet nicht statt. Besonders aus den Reihen der früheren DDR-Bevölkerung wird diese Art der Aufarbeitung nicht gern gesehen.
Der Blick in den Spiegel der Vergangenheit ist nicht erwünscht. Die Möglichkeit, sich als Feigling und als opportun zu sehen, könnte immerhin bestehen.
Verdrängen ist bequemer. Diese Zeilen widme ich ganz besonders den Müttern und den Vätern, die so unglaubliches Leid erfuhren, nur weil ihre Töchter und Söhne in diesem System nicht leben wollten oder konnten.
Ganz besonders widme ich dieses Buch meiner Mutter, die durch ihr couragiertes Verhalten zeigte, dass man in einem totalitären Staat auch Zivilcourage zeigen kann und muss. Nur durch ihren Einsatz und Mut blieb mir eine langjährige Freiheitsstrafe erspart. Diese so tapfere Frau wagte es ohne Rücksicht auf ihre Gesundheit beispielhaft um mich, ihren Sohn, zu kämpfen. Zornig, ja man muss schon sagen trotzig, begann sie den fast aussichtslosen Kampf gegen die damalige Exekutive. Noch heute schaue ich mit großer Bewunderung zurück auf den Kampf meiner Mutter. Eine einfache Frau, die durch ihr Engagement eine Heldin wurde, ohne es zu wollen.
An meinen Vater dachte ich, während ich dieses Buch schrieb, die ganze Zeit. Erst heute glaube ich zu ahnen, was er damals empfunden haben muss.
Seine Liebe und Kameradschaft vermisse ich heute sehr.

Opponieren, ein Privileg der Jugend, wurde nicht gern gesehen. Mit allen Mitteln ging man gegen anders denkende Personen vor.
Zuerst versuchten ausgesuchte Kader diese jugendlichen Widersetzer im Gespräch umzustimmen. Gelang dies nicht, gab es kein Pardon.
Die kommunistischen Machthaber zogen sämtliche Register, diese Jugendlichen zu kriminalisieren.
In der Öffentlichkeit, in Schulen und Betrieben, wurden sie als Feinde des Sozialismus bloßgestellt.
Sehr viele hielten diesen Druck nicht stand, sahen ihr „Fehlverhalten" ein und arrangierten sich mit diesem Regime.
Doch ein nicht geringer Teil wollte mit dieser Selbstaufgabe nicht leben. Die von mir niedergeschriebenen Zeilen beweisen, dass es Menschen in dieser kommunistischen Diktatur gab, die alles, aber auch alles riskierten, dieser Unfreiheit zu entfliehen.
Es soll zeigen, dass die Menschen, die mit diesem Regime nicht einverstanden waren, mit den Politparolen, dem Einpeitschen von Feindbildern und den Denunziationen von Nachbarn oder Familienangehörigen nicht leben wollten, ihre Träume und Wünsche nicht ausleben durften, wie sie heute selbstverständlich sind.
Falls jemand seine Träume doch erleben wollte, und diese auferlegten Zwänge nicht akzeptierten konnte, begab er sich in Gefahr.
Für diejenigen die bedingungslos ohne Überlegung wie Hammel dem Leittier folgten nach dem Motto, die Partei hat immer Recht, und jeden noch so lächerlichen Spruch nachplapperten, ja sogar danach lebten, war dieses nach sowjetischem Muster praktizierte Staatssystem ein freies System und eine Offenbarung.
Menschen zu bespitzeln, zu demütigen, man könnte so vieles aufzählen: all dieses fand mit großer Unterstützung der Massen statt.

29 Jahre musste ich in diesem Staat leben, der nie meine Heimat war.
Zu viele negative Erinnerungen aus dieser Zeit kann ich nicht aus meinem Gedächtnis löschen; ich werde sie nicht los.
Aus heutiger Sicht sind nicht die üblen Erfahrungen mit der Staatsmacht mein Problem, vielmehr das mit meinem Umfeld Erlebte.
Nachbarn, Arbeitskollegen und „Freunde" verstanden meine Auflehnung gegen dieses Regime nicht.
Sie hielten mich für einen Spinner, hatten selbst mit diesen Zwängen keine Probleme. Meine Auflehnung wurde als unangenehm empfunden.
Durch meine Nachfragerei und Auflehnung bestand die Gefahr, Stellung beziehen zu müssen.
Ohne Bedenken überließen sie ihre Kinder den staatlichen Organisationen und duldeten, dass diese jungen Menschen zu intolerantem Denken gegenüber anderen Gesellschaftsordnungen erzogen wurden.
Toleranz zu anders Denkenden wurde nicht gelehrt.

Als ich mit meiner Frau 1975 aus dem Staat DDR ausreisen durfte, hatte das System folgende Begründung:
Durch die Entscheidung des Rates des Stadtbezirks, Abteilung Inneres und die Zustimmung von Seiten des MDI (Ministerium des Innern), ist der Richter mit Ehefrau am 13.08.1975 auszusiedeln.
Alle Familienmitglieder werden gleichzeitig aus der Staatsbürgerschaft der DDR entlassen.
Richter sowie seine Ehefrau haben eine verfestigte, negative politische Grundeinstellung zu unserer sozialistischen Gesellschaftsordnung.
Daraus resultierte ihre ständige Nichtteilnahme an Wahlen sowie Verstöße beider Eheleute gegen unsere sozialistische Gesetzgebung.
So ist Richter wegen Passvergehen und als Fluchthelfer vorbestraft.
Zur Verhinderung der weiteren negativen Beeinflussung von Verwandten und Bekannten in der DDR wird ständige Einreisesperre veranlasst".
Diese galt bis 1989.
Wie man aus den Zeilen entnehmen kann, muss ich diesen Leuten mächtig auf die Zehen getreten haben. Es ging also doch.
Keiner soll mir heute sagen: „Was hätten wir denn tun sollen"? Wie sagt man so schön? Wegsehen heißt Mitmachen.

Physische Schmerzen bereitet mir der immer wieder fallende Spruch; „So schlecht war es in der DDR doch wirklich nicht".
Was sagte man nach dem Krieg? „So schlecht war das Dritte Reich doch nicht. Der Adolf hat uns doch die Autobahn gebaut".